Neulich haben wir unseren Feiertag Pessach beendet, der auch unter anderem den Namen "Zeman Cherutejnu", "Zeit unserer Freiheit" bekannt ist. Der Weg zur Freiheit der von unseren Vorfahren an jenen Tagen vorbereitet wurde, angefangen von der Befreiung aus der Leibeigenschaft war verbunden mit dem Ziel die Freiheit des Geistes zu bekommen. Nur nach den Ereignissen am Schilfmeer, als der Pharao und seine Elitetruppen vernichtet wurden, begriffen die Kinder Israel endlich, dass sie weder Sklaven des Pharaos noch Ägypter sind. So ernannten sie durch den Jubel des Meeresliedes, Schirat ha-Jam, den Ewigen zu ihrem König. So erklärt es uns mindestens unsere Liturgie... Dieser Akt des Vertrauens an den Ewigen und Mosche als seinen Gesandten, begleitete sie weitere Tage, bis sie nach sechs Wochen am Berg Ssinaj standen, um dort mit dem Ewigen in den Bund zu treten. Das Letzte sollte ihnen und ihren Nachkommen, sprich uns, die Geistige Freiheit geben. Diesen Tag haben unsere Weisen als "Seman matan Toratejnu", "Zeit des Geschenks unsrer Tora" genannt.

Tora, die Lehre, die dabei offenbart wurde, leitet die Menschen nicht zur Erfüllung der Wünsche des eigenen Egos, was wiederum die innere Abhängigkeit von eigenen Trieben bedeutet, sondern zur freiwilligen Anerkennung von "Ol Malchut Schamajim", "Joch des Himmels" und dessen bewusstes auferlegen . Nicht das Ego unsrer Mitmenschen, nicht so mehr unser eigenes Ego sollten uns durch das Leben leiten, sondernd der Wille des Allerhöchsten, des Ewigen. Oder wie es der am Anfang des 3. Jahrhunderts lebende Rabban Gamliel, Sohn des Rabbi's Jehuda ha Nassi, im Pirkej Awot, Sprüche der Väter (2; 4) sagte: "Erfülle Seinen Willen, wie deinen Willen, dann wird er deinen Willen wie Seinen Willen erfüllen. Versage dir deinen Willen wegen Seines Willen, dann wird Er den Willen anderer Versagen wegen deines Willens."

Jeder von uns hat einen Kompass und eine Orientierungshilfe nach diesen Erkenntnissen am Berg Ssinaj bekommen. Mit ihrer Hilfe kann man sich aus der Sklaverei befreien und zur Freiheit des Geistes gelangen. Vielleicht ist es schon an der Zeit das Geschenk auszupacken?

Im April werden wir Pessach feiern. Dem Beginn des Festes begegnen wir mit großen Feierlichkeiten. Man macht Ssedder, freut sich, schmeckt Mazza. Das Ende der Festwoche geht irgendwie liturgisch verloren. Deswegen haben unsere Weisen Jiskor, die Erinnerung an unsere Verstorbenen, schon vor Jahrtausenden am Ende der Woche platziert, damit dies auch einen Inhalt hat. Besonders an Jiskor ist, dass wir uns nicht bloß an jemanden uns nahe stehenden erinnern, sondern auch eine Zeddaka für wohltätige Zwecke in seinem Namen geben. Es ist einfacher jemandem zu gedenken als in seinem Namen gute Taten auszuüben. Diese Wohltaten werden laut des Judentums der gestorbenen Person zu gewiesen, als ob sie oder er es selbst getan hätte. Das Gute, das wir mit ihnen in Verbindung bringen, wirkt so über ihre Existenzzeit hinaus. So bleibt der Name für uns und unsere Mitmenschen erhalten.
Wir haben auch andere Mitzwot gegenüber unseren Dahineingeschiedenen. Nach der Beerdigung pflegen wir ihre Gräber, Plätze ihrer letzten Ruhe. Vor den Feiertagen missten wir alles aus, und bringen ein Stein mit, Zeichen des Besuchs und unserer Verbundenheit. Nicht der frisch geschnittene Strauß zeichnet das jüdische Grab aus, denn die Gestorbenen können nicht riechen, noch sehen, sondern der Haufen Steine, der von einem zu anderen Besuch wächst. Jeder mitgebrachte Strauß freut den Blumenhändler und ist eine Ohrfeige für die dort Liegenden. Es wird keine Person geehrt, sondern das eigene Ego befriedigt.
Jeder, der auf unseren Friedhöfen ruht, hat das Recht auf sein letztes Haus bis in die Ewigkeit. Diejenigen, die aber irgendwo draußen begraben wurden, verlieren ihr Recht nach eine Weile. Je nach Friedhofsordnung passiert dies nach 20, 25 oder 30 Jahren, falls man es nicht verlängert. An einigen Stellen kann man gar nicht verlängern. Deswegen ist es eine große Mitzwa, bei solchen Fällen das Grab auf einen jüdischen Friedhof umzubetten, damit der Name nicht in Vergessenheit gerät, besonders, wenn keiner von den Verwandten mehr dort lebt.
Laut unserer Weltanschauung können die guten Taten einer Person nach ihrem Tod weiter stattfinden, so weit ihre Nachkommen die Erinnerung an sie bewahren und gute Taten in ihrem Namen ausüben.

Der Monat März ist unter anderem dadurch gut, da er im Kalender als erster Frühlingsmonat verzeichnet ist. Obwohl wenn man das Wetter dieses und der vorherigen Monate beobachtet, fällt es einem mit der Zeit schwer, solchen Behauptung zu äußern. Denn in beiden Monaten gibt es kalte und warme Tage. Möglicherweise liegt die Ursache für diese Feststellung in der Tatsache, dass der Tag der Tag-und Nachtgleiche in den März fällt, und zum Ende des Monats ist die helle Zeit des Tages länger als die Dämmerung und Nacht zusammen. Das ist wiederum aktuell nur für uns, die Bewohner der nördlichen Hemisphäre so. Südlich vom Äquator ist es genau umgekehrt.

Für das Jüdische Volk fängt der letzte, der zwölfte Monat des Jahres, Adar, in dieser Zeit an, falls es kein Schaltjahr ist. Das heißt, wir bereiten uns vor, Purim zu feiern. Im Laufe des letzten Jahrhunderts verschiebt sich seine Auffassung in Richtung "Spaß", genauer gesagt, zur Leichtsinnigkeit. Von einem ernsten, mehrsinningen und problematischen Feiertag wird er zu einem Kinderfest umgedeutet. Etwas Ähnliches hat das christliche Weihnachten erlebt, wo ein Geschenk von Santa Claus wichtiger ist als die christliche Bedeutung.

Was ist es denn mit unserem Jüdischen Feiertag? Schon Königin Ester und Wesir Mordechaj haben befohlen, dass das Volk diesen Tag in allen Generationen durch feierliche Mahlzeit, Freude, Mischloach Manot - gegenseitiges Senden von verschiedenen Speisen und durch Beschenken der Armen zelebrieren sollte. Unsere Weisen der folgenden Generationen fügten das Lesen der Megilat Ester, Esterrolle, hinzu. Außerdem ist es verboten an diesem Tagen zu fasten und auch öffentlich zu trauern. So, wie wir sehen, sollten wir uns einerseits während des Feiertags freuen, andererseits soll jeder von uns, jedes Jahr, erneut über die zu dem Feiertag geführten historischen Ereignisse nachdenken.

In erste Linie war es der erste dokumentierte Versuch der Ausrottung des Jüdischen Volkes, der auf der Autorität eines Staates - Königs basierte. Zweitens wurde uns die Sammlung der grundlosen antijüdischen Vorurteile und der Wünsch, sich auf Kosten der Ersparnisse der Anderen zu bereichern, gezeigt. Aber das Wichtigste ist, dass in einer Geschichte, wo kein Mal der Name des Allmächtigen erwähnt ist, Seine unsichtbare Führung durchsickert. Das Wort Ester bedeutet in Hebräisch "Ich verhülle mich". Auch der Allmächtige verhüllt seine Existenz vor uns, in unserer Realität. Nur durch die Überprüfung der Kasuistik des Lebens kann man seine Präsenz entdecken, die uns mit seinem "unsichtbaren Arm" leitet.

Schon vor Jahren spazierend durch Magdeburg entdeckte ich ein Denkmal, das an die Hundertjahrfeier bezüglich der Befreiung Magdeburgs von Napoleon erinnert, und von dankbaren Bürgern der Stadt errichtet worden war. Betrachtet man die Lebenserwartung jener Zeiten, kann man ahnen, dass keiner dieser Bürger die Napoleon - Kriege erlebt hatte. Höchstens wüsste man davon aus den Erzählungen der Eltern oder sogar Großeltern, die zu jener Zeit auch nur Kinder gewesen wären, als Erwachsene aber die Gründung des Deutschen Kaiserreichs erlebt hätten. Die bürgerliche Begeisterung rund um den "ersten Weltkrieg" war die wahre Ursache für solche Projekte.

In diesem Februar wird man sich an die hundert Jahre seit der bürgerlichen Februarrevolution im Russischen Reich erinnern. Wir haben in unseren Gemeinden sogar ein paar Menschen, die dies durch Kinderaugen und -ohren erlebt haben. Dadurch war eins der Kriegsziele erreicht, die die großen Veränderungen in der Menschheitsgeschichte eingeleitet hat. In erster Linie betraf es das Schicksal des größten Teils unseres Volkes, zumindest unsere Achkenasen. Ein Teil nahm es mit großer Begeisterung an, denn es war kein großes Geheimnis, dass die allgemeine Lage der Juden im Russischen Reich miserabel war, und die Erinnerung an Pogrome war noch sehr präsent. Andererseits haben die dortigen Gemeinden noch innere Autonomie, was zum Blühen verschiedener hassidischen Gruppierungen und Mitnagdim beitrug. Die neue Regierung beseitigte Diskriminierungen und gab unseren Vorfahren Bürgerrechte, was wiederum die Beteiligung der Juden an neuen revolutionären Prozessen stärkte. Der Preis dafür war, wie wir heute wissen, nicht die hoffnungsvoll erwartete Gleichstellung und -berechtigung, sondern fortschreitende Assimilation mit anschließendem Vernichten der jüdischen Kultur und ihr Träger in kongenial Europa. Bis heute sind die Debatten noch nicht beendet, was uns mehr geschadet hat, geistige oder körperliche Blutung. Aber für die enormen Schäden, die unser Volk innerhalb des zwanzigsten Jahrhunderts erlitten hatte, bleibt nur eine Beschreibung - Katastrophe des europäischen Judentums. Das Judentum hat viele Gesichter und viele davon wurden brutal ausradiert. Für die nationalen Bestrebungen europäischer Völker mussten die Juden nicht nur mit Münze sondern auch mit eigener Identität, Kultur und sogar mit dem Leben bezahlen.

Heute streben viele jung entstandene Staaten, Volksbewegungen oder Parteien in Europa nach nationaler Identität und "Unabhängigkeit". Der Geist aus der Flasche plädiert für die Selbstbestimmung und eigene Interessen. Die kontinental europäischen Juden nehmen in diesen gefährlichen Spielen auf dieser oder jener Seite teil. Dabei sehen sie die eigene Position in Rosarot, denn sie sind für die Gerechtigkeit, gegen Andere - das Böse. Dabei vergessen wir, dass wir an Jom Kippur für Barmherzigkeit beten und nicht für Gerechtigkeit. Nur das eigene Handeln sollten wir durch Prismen der Gerechtigkeit ansehen. Die Entscheidungen der Anderen können wir nur Postskriptum beurteilen, ist es schlimmer oder besser geworden, wer hat profitiert und wer hat verloren. Man lernt aus der Vergangenheit und heutige Entscheidungen bilden die Zukunft. Das hinterlassen wir unseren Kindern.

Mit dem Januar fängt für uns nicht nur das neue Steuerjahr, sondern auch ein Jahr der Entscheidungen, die unser Zusammenleben für das nächste Jahrzehnt prägen werden, an. Sei es die Außenpolitik des neu gewählten Präsidenten der USA, sei es die Zusammensetzung des neuen Bundestages und der Bundesregierung.

Traditionell sah das Judentum die Rolle eines Familienvaters, als "Außenminister" in der kleinsten Einheit der Gesellschaft. Ursprünglich saßen angesehne freie Männer in verschiedenen Räten, um das Leben eines Dorfes oder Stetls zu bestimmen. Heute sitzt die Mehrheit von ihnen öfter vor dem Bildschirm des eigenen PC's um in virtuellen Foren das Schicksal der Menschheit zu "bestimmen". Es geht um ernste Fragen, wie etwa: sollte Putin Allepo bombardieren?, oder was sollten die Amerikaner machen, um den Rest der Welt zu ihrer Weltanschauung zu zwingen. Im Ergebnis werden diese Streitereien in die reale Welt überlagert, wo nicht selten die langjährige Beziehung zu den Nächsten mit Schaum auf den Lippen abgebrochen wurden.

Unsren Familienfrauen wird durch das traditionelle Judentum die Rolle der "Innenministerinnen" zugeschrieben. Zu ihren "geringsten" Fragen zählen unter anderem die Fragen des Haushalts, für was das Geld ausgegeben werden soll, damit der Politiker aus der Wohnung Nummer X nicht mit leerem Magen in die neue Diskussionsrunde tritt.

Dabei müssen schon bei der Erstellung der Einkaufsliste mehrere Dinge berücksichtigt werden, etwa: welche Soße es sein soll, wie lange die Lebensmittel gegart, gekocht oder gebraten werden müssen um perfekt zu sein. Falls man im Haushalt noch Kinder hat, die auf elterliche Versorgung angewiesen sind, müssen die Frauen auch diese Fragen klären und sich zusätzlich um die Gesundheit aller sorgen. Kurz gesagt befassen sich die Mehrheiten aller Frauen mit der Realpolitik und nicht mit bloßem Gerede als eitvertreib.

Dies alles, was die Rollen beschreibt, kann man in Mischlej, Prediger, im Kapitel 31, 10-31 lesen. Diesen Text, Eschet Cheil, singt jeder Mann seiner Frau vor dem Kiddusch am Schabbat Abend. Es gibt aber einen gravierenden Unterschied im Verständnis dieser Rollenmodelle und ihrer modernen Erfüllung. Die traditionelle Frauenrolle war von vornherein definiert, man kann ihr besser oder schlechter entsprechen, sie mit Liebe oder Hass (er)füllen. Dagegen soll man zur traditionell angesehenen Männerrolle gelangen. Sie muss man sich verdienen. Durch die eigene Leistung und das Wohlergehen der eigenen Großfamilie, die mehrere Generationen umfasst, erreichte man die Anerkennung der Gesellschaft. Nur dann kann man seine Rolle und den mit ihr verbundenen Status genießen und "außenpolitisch" aktiv sein.

Soweit sich die Tage drastisch kürzen, und die Dunkelheit über der Nordhalbkugel länger als das Licht herrscht, erinnert man sich rasch an das Fest des Lichtes, Chanukka. Es hilft uns durch das Anzünden des Chanukkaleuchters, Chanukkija, einen Beitrag zum metaphorischen Kampf zwischen Licht und Finsternis beizutragen. Da wir überall im Weltall oder mindestens auf unserem Planeten von Paaren, dualen Systemen oder Gegensätzen umzingelt sind, fügen wir diesen einen gegenseitigen Kampf gern hinzu. Den größte Beitrag in den letzten Jahrtausenden hat dazu unsere Schwesterreligion, das Christentum beigetragen. Dort spricht man über den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, deswegen betont man sehr gern den Satz: "entweder, oder", bzw. "schwarz oder weiß".

Angeblich, nach der Aufklärung, hätte man zum Weltbild gelangen müssen , wo alles komplexer ist, Farben und Grautöne existieren. Mit der französischen Revolution und allen weiteren bürgerlichen Revolten sollte man sich von der tausendjährigen Dominanz der Kirchen trennen und mehr Freiheit und Chancengleichheit für das Individuum schaffen. Es lief unter dem Motto, dass jede bzw. jeder ein Recht auf einen Platz unter der Sonne hat. Sehr schnell kippte es um und bald hieß es "Kampf ums Dasein". Plötzlich gab es wieder richtige und falsche Farben und Töne. Eine Seite verkörpert "das Richtige und Wahre", die Andere ist "Böse und Falsch". Da man nicht selber für die "Wahrheit" sterben will, sondern von ihr profitieren, sucht man überall nach Freiwilligen, die in diesem Kampf ihren Beitrag leisten, im extremen Fall sogar mit dem Preis des eigenen Lebens. Wie man in diesem Fall sagt: "Für die Idee zu sterben ist es wert." Imaginäre Nachkommen sollten dann im "Reichs des Lichtes" leben, im Zweifelsfall Kommunismus.

Einmal fuhr ein Jude mit dem Auto zum Gottesdienst. Parkend um die Ecke zur Synagoge, bezahlte er Parkgebühren für zwei Stunden und ging los. Jeder der in die Synagoge kam, sah sein Auto, was ihm die Möglichkeit bot über sein gelungenes Geschäft zu prahlen. Da er nicht in der Tradition war, wusste er nicht, dass der Gottesdienst an dem Tag länger als üblich war. Der Kantor sang die festlichen Pijutim, Gedichte. Der Rebbe belehrte die Gemeinde in seiner Rede. Nur ein Gemeindemitglied schaute immer wieder auf seine Uhr und schimpfte leise dabei. Sein Parkticket ist abgelaufen und er dachte die ganze Zeit an die mögliche Kontrolle und den Strafzettel. Er verließ den Gottesdienst früher und sah, dass sein Auto abgeschleppt wurde.

Bei uns ist das Weltbild einerseits einfacher, andererseits komplexer. Monotheismus bedeutet halt Mono, d.h. Eins. Es gibt nur einen Schöpfer und außer Ihm gibt es nichts. Es gibt keinen Gegner oder Widersacher, es läuft kein Kampf. Alle wahrnehmbaren Gegenseiten sind die verschiedenen Seiten gleicher Münze. Manchmal ist es Kopf, manchmal die andere Seite. Alles ist abhängig von dem Blickpunkt des Betrachters. Es existiert keine Finsternis, das ist nur die Leere und der Mangel an Licht. Soweit man ein Licht zündet, je nach seiner Stärke, wird die Umgebung erleuchtet und die scheinbare Finsternis verschwindet. Die gute Taten, Mizwot, ähneln dem Licht. Je mehr man sie übt und vermehrt, desto mehr gibt es Güte in dieser Welt und das Übel verschwindet. Wir zünden jeden Tag ein Licht mehr, zuerst das Neue und dann die Alten. Auch bei guten Taten muss man immer etwas dazu fügen um die Welt zu verbessern.

Nach zahlreichen Feiertagen am Anfang des jüdischen Jahres, die den ganzen Monat Oktober gefüllt haben, schein der Monat November leerer zu sein. Wenn man dazu noch die Wetterlage mit einbezieht , dann wird er oft als trüb angesehen. In diesem Jahr fällt er mit dem Monat Cheschwan oder wie man ihm noch nennt Mar Cheschwan, bitterer Cheschwan, zusammen. Laut einer anderen Meinung soll man das Präfix Mar, nicht vom Hebräischn-bitter ableiten, sondern vom Aramäischen - Herr. Diese ehrende Präfix wurde zugefügt um den Monat zu würdigen, der keine Feiertage enthält. Aber, wie wir in der Toralesung zum Feiertag Ssukot, Laubhüttenfest, gehört haben, ist der Erste und der Wichtigste jüdische Feiertag, der Schabbat, obwohl er am meistens im Jahr vorkommt.

Eine der wichtigsten Komponenten des Feiertags ist Mikra Kodsch, heilige Versammlung. Wir versammeln uns im Hause der Versammlung, Beit Knesset, oder Synagoge auf Griechisch, damit wir nicht frieren und nass werden, draußen. Dabei unterhalten wir uns, besprechen Neuigkeiten und Nachrichten und nicht selten sündigen wir mit Gerüchten. Wir freuen uns alte Bekannte und Freunde wiederzusehen. Aber das Wichtigste ist, wenn wir uns zusammenscharren, werden wir zu Kahal, Versammlung, und wir sind bereit zu dem nächsten Schritt, Adat Jisrael, Gemeinschaft zu werden, die mit Gott einen direkten Draht hat, Jischar El. Denn da die Buchstaben Schin und Ssin, die gleiche Schreibweise haben und es keine Vokale gibt, kann man anstatt Jisrael, Jischar El lesen. Nur wenn wir alle gemeinsam handeln, können wir diesen Zustand erreichen. Deswegen wird ein Teil unserer Gebete nur bei der Anwesenheit eines bestimmten Quantum gelesen. In die Synagoge kommend, streben wir einen Zustand an, zu versuchen die Wahrnehmung des Göttlichen in dieser Welt bei uns zu ermöglichen. Dabei vereinen wir unsere Kräfte um den Effekt zu verstärken und zu verbessern. Jude sein kann man nur in der Mitte der Gleichgesinnten. Wenn man sich weit entfernt von der Gemeinde befindet und dabei meistens Gebote befolgt, verliert man trotzdem mit der Zeit ein Teil seiner Jüdischkeit. Auch wenn man sich in der Gemeinde aufhält, aber dabei nur seine eigenen Ambitionen befriedigt, erwirbt man keine Jüdischkeit, sondern man befriedigt seinen Hunger nach Aufmerksamkeit. Jetzt eine Majsse:

Einmal fuhr ein Jude mit dem Auto zum Gottesdienst. Parkend um die Ecke zur Synagoge, bezahlte er Parkgebühren für zwei Stunden und ging los. Jeder der in die Synagoge kam, sah sein Auto, was ihm die Möglichkeit bot über sein gelungenes Geschäft zu prahlen. Da er nicht in der Tradition war, wusste er nicht, dass der Gottesdienst an dem Tag länger als üblich war. Der Kantor sang die festlichen Pijutim, Gedichte. Der Rebbe belehrte die Gemeinde in seiner Rede. Nur ein Gemeindemitglied schaute immer wieder auf seine Uhr und schimpfte leise dabei. Sein Parkticket ist abgelaufen und er dachte die ganze Zeit an die mögliche Kontrolle und den Strafzettel. Er verließ den Gottesdienst früher und sah, dass sein Auto abgeschleppt wurde.Kurz darauf wurde er abberufen und stand vor dem himmlischen Gericht. Ribbono ha- Olam, Herr der Welt, klagte er, ich fuhr so weit weg zum Gottesdienst, und meine Belohnung war ein Strafzettel und das Auslösen des Autos! Wo ist die Gerechtigkeit? Der Allmächtige antwortete: "Du bekamst die Möglichkeit Geld für ein Auto bei Seite zu legen, damit du meinetwegen, Le-Schem Schamaijim, in die Synagoge führest. Du aber fuhrst dort im Namen deines Ego! Dein Ego hast du größer gemacht und nicht meinen Namen!"

In diesem Jahren fallen alle Herbstfeiertage auf den Monat Oktober, der voll von unseren Aktivitäten in den Gemeinden sein wird. Auch das Septemberwetter hat uns noch mal gezeigt, dass der Anfang des Herbstes mit dem jüdischen Kalender übereinkommt. Der 1. Tischrei fällt auf den 3. Oktober, deswegen werden wir am Vorabend einen feierlichen Gottesdienst gestalten, um Rosch ha-Schana, Kopf oder besser Haupt des Jahres freudig zu empfangen. Eine Besonderheit dieses Tages sei, dass er 48 Stunden dauert, Joma Aricha, ein langer Tag. Der erste und der zweite von Tischrei sind laut unserer Weisen noch von der Zeit der ersten Propheten als ein Tag zu betrachten. Deswegen feiern ihn die Juden zwei Tage lang, sei es Zuhause oder in der Gemeinde, sei es in Diaspora oder im Land Jisrael. Das ist der einzige unserer Feiertage, an dem sich kein Mond an dem nächtlichen Himmelsgewölbe beobachten lässt. Er ist versteckt, so wie auch unser Schicksal für das kommende Jahr vor uns verdeckt bleibt. Aber verfestigt wird es gerade in diesen Stunden.
Dieser Tag hat schon von Anbeginn der Menschheit eine schicksalstragende Bedeutung. Am ersten Tischrei des ersten Jahres waren Adam und Chawa (Eva) erschaffen. Am selben Tag sündigten sie, waren als Strafe aus dem Gan Eden, Paradiese, vertrieben und später begnadigt. So hat die Menschheitsgeschichte angefangen. Laut Rabbi Eli'ezer wurden an diesem Datum Abraham und Jaakov geboren, ihre Sterbetage fielen auch auf den ersten Tischrei. Sarah, Rachel und Chana wurden an diesem Tag wieder fruchtbar. Dies waren die Anfänge der neuen Etappen in der Geschichte unseres Volkes und später der Menschheit. An diesem Tag, Jahrzehnte später, wurde Josef aus seinem Kerker befreit, wo er lange zwölf Jahre gegessen hat, und ab diesem Datum leuchtete sein Stern auf dem politischen Himmel des Mizrajims, Ägypten, dem das Land zu einem der Mächtigsten seiner Zeit verhilft.
Jom ha-Din, Tag des Gerichts nennen unsere Weisen diesen Tag. Die Entscheidungen des Himmlischen Gerichts widerspiegeln und prägen unsere Schicksale für das ganze Jahr 5777. Dabei werden nicht nur neue Markzeichen in unsrem privaten Leben gesetzt, sondern in die Schicksale der Völker und Staaten. Damit wir nicht nur darüber sprechen, sondern das auch spüren können, schmücken wir unsere Tafeln mit runden Chalot und Fischköpfen. Wir tunken Apfel in Honig und wünschen einander nur Besseres im kommenden Jahr. Da wir vom Leben gelernt haben, dass nicht nur eine helle, sondern auch eine dunkle Periode im Leben auftaucht, wollen wir diese minimieren. Wie schafft man den Einfluss der "schlechten" Zeiten zu minimieren? Unsere Weisen sagten: "... u-Tefila u-Zedoka u-Teschuwa, ma-awirin er ro-a ha-gezera", ... Gebet, Wohltätigkeit und Rückkehr (zur Quelle), verändern (mildern) harte Strafe (Urteil).
Schana Tova u-Metuka, ein Süßes und Gutes Jahr

Im Monat Juli fangen die Ferien an, dabei wird das beendete Schuljahr für einige unserer Gemeindemitglieder nicht nur das letzte sein, sondern auch eine neue Etappe in ihrem Leben markieren. Auf dieser Etappe müssen sie vielleicht das bekannte und vertraute Zuhause verlassen und eine neue Bleibe, mitunter sogar einige hundert Kilometer entfernt, von dem Elternhaus finden. Im Unterschied zur Natur, wo Jungvögel jedes Jahr als Erwachsene ihre Nester verlassen, brauchen unsere Kinder mehr Zuwendung, Unterstützung und Betreuung. Die Zeitspanne fängt bei neun Monaten der Schwangerschaft an und dehnt sich bis zum erstere Berufserfolg.
Im Westen streckt man das Erwachsenwerden auf Jahrzehnte. Als Ergebnis werden einige Mitglieder der Gesellschaft nicht erwachsen, obwohl sie schon mehrere Jahrzehnte hinter sich haben. Es mangelt bei ihnen an Verantwortung für ihr eigenes Leben und für die Umgebung. Wahrscheinlich werden die sie betreffenden Entscheidungen, wie in der Kindheit, in ihrem Umfeld getroffen und nicht von sich ihnen selbst getragen. Dabei klingen ihre eigenen Wünsche wie Launen eines kleinen Kindes. Infantil zu sein ist ein untrennbarer Teil solcher Gesellschaften, was sich wiederum in deren politischen Strukturen widerspiegelt.
Durch Passivität geprägt legen solche Menschen die Entscheidungen für ihre Schicksale in die Hände der so genannten Eliten, die ihrerseits, in eigenem Interesse handelnd, die groben Bedürfnisse des Volkes befriedigen. Bereits im antiken Rom sagte man, das Volk bedürfe Brot und Spiele. Falls Brot fehlt, kann man hören: " Hunger", falls es an Spielen mangelt, hört man: "Langweilig". Das ist das Verhaltensmuster, das schon in früher Kindheit ausgeprägt wird. Man nennt dieses Verhalten teilweise "egoistisch", teilweise "egozentrisch", abhängig von dieser oder jener Besonderheit. In unserer Tradition hat man solches Verhalten mit dem Jezer ha-Ra, Böser Trieb in Verbindung gebracht. Laut der Meinung unserer Weisen entwickelt sich der Böse Trieb ab dem ersten Tag ihres Lebens, er wächst und gedeiht zusammen mit dem Kind.
Er gehört zu den Grundelementen unseres Daseins. Dagegen beginnt Jezer ha-Tov, der Gute Wille bei einer Persönlichkeit, im Alter des Erwachsenwerdens zu keimen. Bei Mädchen ist es um das vollendete 12. Lebensjahr, bei Jungen um das 13. In der Zeit wo Jezer ha-Tov nur erste Erfahrungen sammelt, konnte Jazer ha-Ra sich gut entwickeln und sich mit der Persönlichkeit verbinden. Annähren des Menschen zum Guten dauert länger und ist mit großen psychisch - emotionalen und physischen Aufwand verbunden. Öfter erinnert es an eine Bewegung eines Krebses zwei Schritte vor, einen zurück. Deswegen fangen verantwortungsvolle Eltern mit der Erziehung der Kinder noch vor deren Geburt an - bei sich. Damit bei den Eltern, wenn die Kinder ihr Nest verlassen werde, keine Kopf- und Herzschmerzen entstehen.

Sehr oft fällt der Monat Juni, aus dem gregorianischen Kalender, mit dem Monat Ssiwan aus dem jüdischen Kalender zusammen, und d. h. dass wir Juden, den Feiertag Schawuot, Wochen, feiern, oder, wie unsere Weisen dies nannten, Zeit unserer Toragebung, Zeman Matan Toratejnu. Für die Menschen, die fern unserer Tradition stehen, sind diese Geschehnisse als Gottes Offenbarung bekannt. Ihrerseits ist es vielleicht richtig so, denn für sie kamen, die sich rasant entwickelnden Ereignisse am Berg Ssinaj unerwartet. Aber für das jüdische Volk galt es als Ziel des Auszugs aus Ägypten. Das Wort Tora bedeutet die Lehre. Deswegen sollte das frisch befreite Volk neue Orientierung im sich neu eröffnenden Horizont des Leben bekommen. Fünfzig Tage trennten unsere Vorfahren von jener Nacht, als sie das gegrillte Lamm mit bitterem Kraut und Mazot gegessen hatten. Die Generationen der in der Sklaverei aufgewachsenen Menschen, die fließen auf ägyptisch sprachen, konnten gewiss keine Veränderung in der Weltanschauung innerhalb eineinhalb Monate durchführen. Die Ereignisse haben sich so rasant entwickelt, dass die Mehrheit auch keine Fragen bezüglich der bevorstehenden Zukunft hatte. Ermüdet durch die Flucht haben sie nicht aufgehört sich über die schlechten Bedingungen zu beklagen. Überall sahen sie nur Mangel: an Wasser, Fleisch, oder Brot. Außerdem trafen sie Amalek in der Ssinaj Wüste, kurz vor dem Berg Ssinaj. Gegen diesen Stamm sollten sie kämpfen. Aber am schwierigsten war es für sie den Schabbat zu halten, den Tag, an dem sie nichts machen durften, außer die Ruhe zu genießen.
Mosche, der sie zum Berg führte, beschäftigte sich wahrscheinlich auch nicht mit Fragen über die Zukunft. Möglicherweise stützte er sich auf die damals schon seit Abraham bekannte Redewendung: "Behar Adonaj Jerae, Auf den Berg des Ewigen erscheint es". Anderes ausgedrückt vertraute er dem Ewigen. Das Schließen des Bundes am Berg Ssinaj war das notwendige Zwischenglied vor dem Einmarsch in das gelobten Land. Nur durch die Akzeptanz der Ol Malchut Schamajim, des Jochs des Himmels, konnte das jüdische Volk, genauer gesagt die Kinder Jisraels, eine gleichberechtigte Seite des Bundes zwischen dem Ewigen und Abraham werden, und das Land als Erbteil empfangen. In ihrer Einheit antworten sie Na'ase we-Nischma, wir werden machen und hören, dabei haben sie vergessen das Kleingedruckte zu lesen. Wir, ihre Nachkommen, haben erfahren, was für unser Volk in Jahrtausenden der Geschichte vorausgesehen war. Auserwählt zu sein für das jüdische Volk bedeutet, nicht nur die eigene schwerer Last zu tragen, sondern auch die Verantwortung gegenüber unserer Umwelt.

Am Abend des 25. Mai fängt Lag ba-Omer an, der 33. Tag des Omerzählens, d. h. der 33. Tag nachdem die Garbe der Gerste im Jerusalemer Tempel gebracht worden war. Diese Zahlung brachten Juden der Antike, in der Zeit als es noch keinen festen Kalender gab, um zu wissen, wann der Feiertag Schawuot anfangen sollte. In jenen Zeiten wurde für das Fest kein festes Datum genommen. Mal fiel es auf den 05., mal auf den 06., ab und zu auf den 07. Ssivan. Hauptsache es ist der 50. Tag in der Zählung nach dem Pessach. Laut unserer Überlieferung endete am 33. Tag des Omerzählens im zweiten Jahrhundert dieser Zeitrechnung eine Pest, die das Leben von zwölftausenden paar Schülern von Rabbi Akiwa beendet hat. Wahrscheinlicher ist es, dass es keine Pest war, sondern die Verfolgung gegen die Aufständischen, deren Anliegen Rabbi Akiwa unterstützt hat.
Wie auch immer, es wurde in dieser Zeit ein großer Teil der Jüdischen Elite in Erez Jisrael, im Lande Israel, ausgerottet. Deswegen werden die ersten 32. Tage der Omerzeit als Trauertage angesehen.
Der 33. Tag aber ist ein Tag der Freude. An ihm wird viel gefeiert mit Lagerfeuer und Bogenschießen, Tora lernen und Hochzeit feiern. Beim Tora lernen wendet man sich dem Kabbalistischen Werk Sohar, was Lichtschein heißt, zu. Dieser Tag symbolisiert einen neuen Anfang. Wenn alle anderen Tage in einem Schatten der Trauer stehen, leuchtet der eine Hoffnungsstrahl. Solcher Tag bringt das Verborgene zum Vorschein. Wie der angebliche Autor des Buches Sohar - Rabbi Schimon Bar Jochai, dessen Todestag auf Lag ba-Omer fällt, weswegen dieser Tag auch den Status Hillula - Erinnerungsfeier hat. An seinem Grab werden an diesem Tage, auf dem Berg Meron nahe Zefat, Lichter gezündet. Rabbi Schimon Bar Jochai erleuchtete den Tag mit der Hoffnung auf die künftige Erlösung, durch die Beschäftigung mit der verborgenen Lehre.

Im Monat April werden wir uns an die Geschichte des Auszugs aus Mizrajim, Ägypten erinnern. Sedder Pessach ist nicht nur eine bloße Erinnerung, es ist das Erlebnis der Auszugsnacht. Aber, bevor wir mit dem Sedder beginnen können, sollen wir unsere Häuser von Chamez, gesäuerten Teig und Brot reinigen. Die Tora ist in dieser Frage kompromisslos. Alles, was unter den Begriff Chamez, Gesäuertes fällt, sollte nicht gesehen und nicht im Besitz von Bnej Jisrael, den Kindern Jisraels sein. Deswegen kauft man mit Beginn des Monats Nissan weniger Lebensmittel die Chamez enthalten, damit man bis zu Pessach seine Vorräte verbrauchen kann. Den Rest kann man nichtjüdischen Nachbarn oder Bedürftigen geben, was wiederum die Nachbarschaftsbeziehungen aufbessern und die gegenseitige Verständigung stärken kann. Dazu kommt kurz vor Pessach der Frühlingsputz. Jede Ecke des Hauses bzw. der Wohnung wird untersucht und von möglichen Chamez befreit. Biur Chamez, Wegschaffen von Chamez heißt dieses Prozedere. Der Herd und der Kühlschrank werden gründlich gereinigt, das Geschirr und Besteck ausgetauscht. In Israel bringt dieses Fest mehr Stress als Freude. Mehrere Lebensmittel werden für eine Woche aus unseren Menüs vertrieben und Mazzemehl wird auf den Hauptplatz gestellt. Wo liegt der Unterschied zwischen Chamez und Mazza? Auf der physikalischen Ebene unterscheidet sich Mazza durch einfache Komponenten, es gibt nur Mehl und Wasser. Ab der ersten Berührung der beiden Komponenten bis zum fertigen Produkt sollen nicht mehr als 18 Minuten vergehen. Laut unserer Weisen kann in dieser Zeitspanne kein Gärprozess anfangen, so bleibt das Brot ungesäuert. Der Unterscheid zwischen beiden liegt in Menschenhand. Wenn man handelt, und den Teig bäckt, entsteht Mazza. Für den Fall , dass man den Teig ruhen lässt, gärt er, verändert seinen Geschmack und seine Form, er füllt sich mit Luft. Dies entspricht unseren Charaktereigenschaften. Chamez ist laut unserer Weisen eine Anspielung auf Stolz und Überheblichkeit. Wenn man an seinem Charakter nicht arbeitet und von Zeit zu Zeit keine Reinigung vornimmt, verdirbt der Charakter, wird gären, sauer sein und man wirkt/ist "aufgeblasen". Deswegen ist es notwendig für uns, ab und zu, immer wieder eine innere Reinigung vorzunehmen, um uns von Chamez in unserem Charakter zu reinigen.

Wenn ich etwas über den Monat März höre, kommen mir, als erstes Frauen ins Gedächtnis. Das liegt nicht nur daran, dass meine Ehefrau in diesem Monat ihren Geburtstag hat, sondern auch an dem, für uns alle im sowjetischen System aufgewachsenen Personen, bekannten Frauentag am achten des Monats und an unserem jüdischen Feiertag Purim, wo die Königin Ester eine wichtige Rolle spielt. An dieser Stelle möchte ich allen unseren Frauen zum 8. des Monats beglückwünschen und auf einen kleinen Zusammenhang zwischen zwei Feiertagen hinweisen. Erinnern wir uns zuerst an die Geschichte des älteren Feiertags. Purim ist ohne Ester nicht denkbar, selbst die Rolle hat ihren Namen nach der Königin bekommen. Die Königin leitet die Entwicklung der Geschichte zur Errettung des Volkes Jisrael und sichert seine Existenz im persischen Reichs des Altertums. Die Historiker sind sich nicht einig während welcher Herrschaft eines Arthaxerxes / Achaschwerosch, diese Geschichte stattgefunden hat. Der Raschi, Rabbi Schlomo Jitzchaki aus dem 11. Jh., meint, dass dies kurz nach der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil stattgefunden hat, d.h. im 6. Jh. vor der neuen Zeitrechnung. Damals ordnete Ester zusammen mit Mordechaj an, diese Tage, den 14. und 15. Adar als Feiertage für alle kommenden Generationen zu gestalten. Am Anfang des 20. Jh. kamen viele jüdische Einwanderer ins Goldene Medine, Amerika, wo laut Erzählungen sogar die Straßen mit Gold gepflastert wären. In der Realität mussten viele Familien in den Metropolen bleiben, und um die Familie zu ernähren gingen die Frauen als Leiharbeiter in der Beschäftigung. Der Tagelohn war niedrig, die Arbeitsbedingungen dramatisch. 1908 brannte ein Hochhaus aus, in dem viele Frauen umkamen, da sich dort die Fabrik befand, wo sie als Näherinnen arbeiteten. Am Sonntag, den 05. Adar II 5668, entsprechend dem 08. März 1908, kamen ca. 15 000 Frauen auf die Straßen von New York, um ihre Rechte durchzusetzen, Arbeitszeit zu verringern und die Löhne zu erhöhen. Von diesen Ereignissen angeregt brachte Clara Zetkin 1910 in Kopenhagen den Vorschlag ein, einen internationalen Frauentag zu etablieren. Am Anfang feierte man ihn an unterschiedlichen Daten. Erstmals im Jahre 1914 wurde wieder der 08. März in mehreren Länder als Frauentag gewürdigt. Als Feiertag setzte er sich zuerst in den sozialistischen Staaten durch. Seit 1975 gilt er laut UNO als Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden. Wir sehen, dass Frieden in dieser Welt nur dann kommen kann, wenn wir die Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft richtig wahrnehmen.

Der Monat Februar ist der Kleinste im Gregorianischen Kalender. Es hat normalerweise 28 Tage. Es gibt auch noch eine weitere Besonderheit, er bekommt alle die vier Jahren einen extra Tag, um das Datum mit der Rotation der Erde auszugleichen. Dies ist das sogenannte Schaltjahr, welches 366 Tage hat, wie jetzt 2016. In einigen Kulturkreisen gibt es viele Aberglauben diesbezüglich. In einem solchen Jahr sollte viel Unglück passieren und nicht nur das, sondern das ganze Jahr wurde unter schlechten Omen gesehen.
Es hat mich immer gewundert, warum 24 Stunden mehr nichts gutes sondern viel Unglück bringen sollten. Wenn es bei uns, mit unserem Kalender in Zusammenhang stünde, könnte ich es irgendwie nachvollziehen. Auch unser Jahr 5776 ist ein Schaltjahr, Schana Meuberet, wörtlich ein schwangeres Jahr. Im jüdischen Kalender wird dagegen nicht nur ein Tag zugefügt, sondern ein ganzer Monat.
Da der erste Monat immer Nissan sein soll, wie wir neulich im Buch Schemot, Exodus, gelesen haben, heißt der zwölfte Monat dann Adar I, und der dreizehnte trägt den Namen Adar II . Der hat übrigens auch zwei Tage Rosch Chodesch. Dieser Extramonat kommt nicht jedes vierte Jahr, sondern sieben Mal innerhalb des neunzehnjährigen Zyklus.
In einem Monat, der aus 29 Tage besteht und der Vorgänger einen Tag extra bekommt, kann viel mehr gutes oder Gott behüte, etwas schlimmes passieren. Die Menschen werden doch geboren und sterben nicht nach dem Datum, sondern wenn ihre Zeit gekommen ist. Abergläubische Menschen könnten meinen, dass die Zahl 13 Unglück bringen soll. Für uns dagegen steht diese Zahl laut der Gematria, mit den Tetragrammaton, den aus vier Buchstaben bestehenden Namen Gottes, in Verbindung. Für die Liebhaber der Mathematik ist zu erwähnen, dass hier, im jüdischen Kalenderzyklus, zwei magische Zahlen: sieben und zwölf, und der Gottes Name vorkommen.
Wir haben auch mehr Gründe uns zu freuen, im Adar I, begeht man die Purimtage mit besonderer Freude. Hier sollte man die Wörter eines bekannten Kinderliedes nicht vergessen: "Mi-sche-nichnas Adar, marbim be-ssimcha, ab dem Anfang des Adars vermehrt man die Freude". Die beiden Monate sind in den Feierlichkeiten gleich, die Feste fallen dann in den Adar II.
Nur eine Sache bringt noch Kummer, das Rechnen auf welchen gregorianischen Tag die jeweiligen Geburtstage oder Bar / Bat Mizwe bzw. Jorzeit fällt. Der erste Tag der Rosch Chodesch Adar I fängt im Jahr 2016 am 08. Februar am Abend an, es ist auch der Letzte des Monat Schewat.

chanukka"Maji Chanukka?", "was ist Channukka", fragen unsere Gelehrten im Talmud, nachdem sie fast alle Gesetze bezüglich dieses Feiertages ausdiskutiert haben. Zuerst haben sie sich lange und bis in die kleinsten Kleinigkeiten mit der Frage beschäftigt, wann und wie man die Chanukkaleuchter anzünden soll, und wie lange dies brennen sollten, um die Pflichten zu erfüllen.
Sie haben verschiedene Meinungen beigebracht, die oft im Gegensatz stehen. Z. B. waren die Schüler aus dem Hause Schamajs der Meinung, das mehadrin min ha-mehadrin, diejenigen, die das Gebot am Besten erfüllen wollten, am ersten Tag acht Lichter anzünden sollen. Jeden weiteren Tag zünde man eine Lampe weniger, entsprechend der verbliebenen Tagen des Festes.
Beit Hillel dagegen, war der Meinung, das am ersten Tag eine Lichtquelle brennen soll und an jedem weiteren eine mehr, entsprechend der Tagen, die bereits angefangen haben. Obwohl es genügend ist, wenn man nur eine Lampe jeden Tag anzünden würde, um seine Pflicht zu erfüllen. Nu danach, als alle praktischen Fragen gelöst waren, fragten unsere Weisen nach den ideologischen Grundlagen des Festes. Dies ist ein Beispiel für die praktische Anwendung der Regel aus der Tora Na'ase we- Nischma, wir werden machen und danach "hören" - verstehen, ins Detail gehen.
Chanukkaleuchter haben keinen praktischen Zweck, sid beleuchtet nicht, sondern sie erhellen. Die Channukkasabende haben einen besonderen, gehobenen Status. Sie heilen im Grunde genommen die Geschichte, in dem sie unsere Blicke um 22 Jahrhunderte zurück wenden, zur den Geschehnissen über die wir nur Krümel des Wissens haben. Im Talmud ist nur die Geschichte mit einem Krug Öl überliefert , dessen Brennen alle bekannten Naturgesetze brach. 20 Jahrhunderte später, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wuchs langsam ein Bild der möglichen historischen Ereignisse im Selbstbewusstsein des Jüdischen Volkes heran. Dies bekommt mit dem entstehenden Zionismus mehr und mehr Platz in den Gedanken.
Die Ereignisse, die im kleinen Dorf Modi'in angefangen haben, weil ein Kohen, Priester, mit dem Namen Matitjahu sich entschieden hat, seiner jüdischen Tradition und Weltanschauung treu zu bleiben, schlugen in allumfassende Befreiungskriege für das Recht ein jüdisches Volk zu sein um. Damals wusste noch keiner, dass sich in weniger als 200 Jahren aus dem jüdischen Milieu eine christliche Gruppierung herauskristallisiert würde, und nach noch weiteren 600 Jahren die Idee des Islam entstehen sollte. Dies ist so genannte Schmetterlings - Effekt.

In den letzten acht Monaten habe ich einige unserer Gemeindemitglieder auf ihrem letzten Weg begleitet. Bei diesen Anlässen konnte ich unseren Friedhof, Beit Olamim, Ewiges Haus, besichtigen. Obwohl wir eine entsprechende Friedhofsordnung haben, merkte ich, dass einige Fragen immer wieder für viele unserer Mitglieder unklar sind. Es ist aber kein Wunder, denn eine normale Person beschäftigt sich nur dann mit diesen Fragen, wenn, chas we-chalila, Gott behüte, jemand aus der Familie oder aus dem Bekanntenkreis gestorben ist. In der Regel ist man dann nicht in der Lage alles zu beachten bzw. adäquat zu denken. Hier kommt dann jemand zu Hilfe, der irgendwann, irgendwo, irgendwas gesehen oder gehört hat. Oft liegen solche Hilfsangebote weit weg von der Jüdischen Tradition. Die Letzte ist in der Regel ein Produkt der tausendjährigen Entwicklung und einer bestimmten Weltanschauung.Zuerst wird die Person als Ebenbild des Ewigen angesehen, deswegen bereiten Chewra Kadischa, den Körper zu Beerdigung vor, er wird gereinigt und in Tachrichim, Totenkleidung eingewickelt. Laut des Judentums werden die Gestorbenen in ihrer Kleidung nach der Auferstehung angezogen sein. Da man in Deutschland zurzeit verpflichtet ist in einem Sarg zu beerdigen, wird eine schlichte Kiste vorbereitet, die während Lewaja, der Begleitung, d.h. Beerdigung geschossen bleibt und oft mit einem schwarzen Tuch bedeckt ist.
Zweitens kann die Person keine Gebote mehr erfüllen, deswegen übt man keine Gebote auf dem Friedhof aus, sonst sehe es so aus, als ob man gegenüber dem Gestorbenen hochmütig sei. Dazu sind alle diesseitigen Genüsse für die Abberufenen unerreichbar, da die Seele von ihrem Körper abgetrennt ist.
Falls jemand angesichts der Toten das Leben genießen würde, sei es Leckereien zu essen, sei es etwas Angenehmes zu riechen, sei es etwas Schönes anzuschauen, würde es gegenüber dem Gestorbenen respektlos und arrogant, laut der jüdischen Tradition, sein. Es wirkt so, als ob der bzw. die Lebende den Toten zeigte, ich kann das Leben noch genießen, ihr aber seid dem Zerfall verbannt. Auf diesem Grund bringen Juden keine Blumen zur Beerdigung.
Die Blumen sind ein Symbol des Lebens, sie erfreuen uns durch ihr Aussehen und ihren Geruch. Anstatt dessen bringen wir Steine zum Grab und mit jedem Besuch wird die Zahl der Steine größer. Beim legen des Steines sagt man: "Lech be-schalom we-tanuach be-schalom, we-taa'mod le-goralcha le-kez ha-jemim.
Gehe in Frieden und ruhe in Frieden und stehe zu deinem Schicksal bis zum allerletzten Tag." Die Steine als Material sind dem am Nächsten, was das Ewige Leben symbolisieren könnte. Nicht die frisch geschnittenen Blumen sollten unsere Erinnerungen an die Person ausdrücken, sondern unsere Taten und unter anderem die Zedaka, Wohltat, die wir für Iluj Neschama, die Erhebung der Seele des Verstorbenen spenden.
Wir hoffen, dass die Seele ihre Ruhe im Himmel findet und der Körper im Ewigen Haus.

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